Ausdruck tiefsten Glaubens - Gießener Anzeiger - 06.09.2011

Großartige Darbietung: „Camerata Vocale Hessen“ singt Marienvesper in Lich

Von Klaus-J. Frahm

Die Solisten der Marienvesper (von links) Simone Schwark, Agnes Kovacs, Ralf Petrausch, Christian Dietz und Daniel Starke; im Hintergrund die „Camerata Vocale Hessen“. Foto: Frahm

„Jungfrau auserkoren, ohne Sünd’ geboren, uns von Schuld befreie, Hilfe uns verleihe.“ Voller Inbrunst erklangen die Bitt- und Preisgesänge der Marienvesper in der Marien-Stiftskirche in Lich. Die Besucher erlebten eine Darbietung, die die Atmosphäre eines Barockgottesdienstes in unsere Zeit holte.

Claudio Monteverdis „Vespro della Beata Vergine“ (Marienvesper) gehört zu den bedeutendsten Werken der Kirchenmusik und ist wegen ihrer venezianischen Klangpracht ein musikalisches Erlebnis. 1610 geschrieben und vermutlich 1613 uraufgeführt geriet die Marienvesper später in Vergessenheit und wurde im Jahr 1932 neu entdeckt. Wegen seiner anspruchsvollen Komposition und der Besetzung mit alten Kirchenmusikinstrumenten ist die Marienvesper in den Konzertsälen und Kirchen nicht häufig zu hören.

Zur 500-Jahr-Feier der Marien-Stiftskirche Lich studierte Marien-Stiftskantor Christof Becker das Werk mit dem von ihm gegründeten Vokalensemble „Camerata Vocale Hessen“ ein. Für die instrumentale Begleitung gewann Becker eine „Capella instrumentalis“, die auf alten Instrumenten oder Nachbauten spielt.

 

Mit beeindruckender Stimmgewalt erklangen die Psalmen, Bittgebete und Lobpreisungen. Für die Solopartien hatte Becker die Sopranistinnen Simone Schwark und Agnes Kovacs, die Tenöre Ralf Petrausch und Christian Dietz sowie den Bariton Daniel Starke engagiert. Unter der Leitung Beckers schuf das Ensemble ein großartiges Klangbild. Die Capella instrumentalis bewies eine überzeugende Vertrautheit mit den alten Instrumenten, die teilweise fast artistische Anstrengungen verlangten.

Die Ausführung war farbig und ausdrucksstark, die Sologesänge von ergreifender Klarheit und die Chorgesänge von hoher Perfektion. In der Marienvesper wird die Faszination der Psalmen, von denen Monteverdi fünf in das Werk integrierte, besonders spürbar. Das Publikum war von der Darbietung ebenso ergriffen wie die Musiker von der Schönheit des Werks.

 

Gießener Anzeiger - 06.09.2011