Makellose Reinheit der Känge - Gießener Anzeiger - 10.04.2012

Camerata Vocale Hessen führt unter Leitung von Christof Becker Osterkantaten abseits des Üblichen auf

Einen reizvollen Konzertabend präsentierte am Ostersonntag das Vokalensemble Camerata Vocale Hessen, geleitet von Christof Becker, in der Licher Marienstiftskirche. Kongeniale Unterstützung leisteten die Capella Instrumentalis sowie als Solisten Nicole Tamburro, Michaela Wehrum, Andreas Wagner und Johannes Wilhelmi.

 

Vielleicht hatten die etwas ungewöhnlichen Komponisten das Publikum nicht genügend gereizt, nur etwa 80 Zuhörer waren gekommen. Doch die Osterkantaten von Friedrich Wilhelm Zachow („Christ lag in Todesbanden“), Christian Friedrich Witt („Und da der Sabbat vergangen war“), Andreas Hammerschmidt („Oster-Dialog“), Georg Böhm („Satanas und sein Getümmel“), Johann Theodor Römhildt („Jesu schenk uns deinen Frieden“) und schließlich Johann Sebastian Bach („Christ lag in Todesbanden“) erwiesen sich nicht nur als überaus zugänglich, sondern zudem auch in dieser Kombination als kontrastreiche, musikalisch vielfältige Abwechslung vom alltäglichen Konzertbetrieb.

Kurz gesagt: Es war ein vorzügliches Konzert. Schon zu Beginn modellierte Dirigent Becker für Zachows Kantate fabelhafte klassische Klänge, wobei der Chor sich in bester Form zeigte. Differenziert, klar, schön in den Höhen (die Bässe sollten ganz zum Schluss einen unerhört guten Ausklang hinlegen) - so klingt es, wenn ein Ensemble seiner Aufgabe gewachsen ist.

Das galt ebenso für das Streichsextett Capella Instrumentalis, ergänzt durch Orgel, das mit professioneller Geschlossenheit und makelloser Klangreinheit auch die Nuancen der Werke souverän wiedergab.

Ein weiteres Glanzlicht waren die Solisten. Nicole Tamburro und Manuela Wehrum boten im sechsten Vers von Bachs „Christ lag in Todesbanden“ ein famos geschlossenes, anrührend inniges Duett, das ihr professionelles Niveau widerspiegelte. Tenor Andreas Wagner und Bassist Johannes Wilhelmi brachten Entsprechendes ein: Große Natürlichkeit, klare Intonation und Verständlichkeit und nicht zuletzt die angebrachte Anmut des Tons waren ausnahmslos zu verzeichnen.

So konnten sich die Zuhörer in der sehr ansprechenden Akustik der Marienstiftskirche einem angenehm abwechslungsreichen Programm hingeben, das ohne Verzicht auf geistliche Feierlichkeit und solistische Glanzlichter musikalisches Niveau ein wenig abseits des Üblichen bot. Fast wirkte da der Bach zum Abschluss schon ein wenig zu vertraut.

Von Beginn an erzielte Christof Becker eine enorme Homogenität. Er verschmolz seinen ausgezeichneten Chor mit den Instrumentalisten zu einem perfekten sakralen Klangausdruck von eindrucksvoller Geschlossenheit. Mühelos hörbar pointierte er die Eigenheiten der Kompositionen und fügte die perfekt vorbereiteten Solisten sinnfällig ins Geschehen ein, variierte Volumen und Intensität mit spürbarer Sensibilität für den Raum: So sollte Musik gemacht werden und klingen. Riesenbeifall.

Von Heiner Schultz
Gießener Anzeiger - 10.04.2012