Exzellente Darbietung von Händels „Messiah“ im Rahmen Licher „Tage alter Musik“ - Giessener Anzeiger - 11.10.2012

Kantor Christof Becker (Leitung), Johannes Wilhelmi (Bariton), Gerhard Brückel (Tenor), Nils Stefan (Altus) und Bettina Horsch (Sopran) wurden mit großem Beifall und stehenden Ovationen bedacht. Foto: Engelbach (sue). Eigentlich wird er meist in der Oster- oder Adventszeit gegeben, doch auch in den Rahmen der Licher „Tage alter Musik“ passte eine Aufführung von Händels „Messiah“ vorzüglich und so kam das Publikum bereits vorzeitig in den Genuss einer exzellenten Interpretation. Mit stehenden Ovationen bedankte es sich im Anschluss bei Marienstiftskantor Christof Becker, dem Vokalensemble Camerata Vocale Hessen, dem Barockorchester „La Réjouissance“ und den herausragenden Solisten Bettina Horsch (Sopran), Nils Stefan (Altus), Gerhard Brückel (Tenor) und Johannes Wilhelmi (Bariton).

Diese gesungene Form des Gotteslobs wirkt immer, seien es nun knapp 20 Sänger wie am Sonntag in der Marienstiftskirche, oder 4000 wie 1885 zu Händels 200. Geburtstag im Londoner Kristallpalast. Umso erstaunlicher ist es, dass das Werk zu seiner Entstehungszeit immer wieder als blasphemisch verurteilt wurde, erschienen doch die von Charles Jennens zusammengestellten Bibeltexte als musikalische Abendunterhaltung vielen Zeitgenossen unangemessen. Doch die Musik sprach für sich und so wurde der in nur 24 Tagen komponierte „Messiah“ aufgrund Händels eigenem Engagement für sein dreiteiliges Oratorium schlussendlich doch noch zum großen Erfolg. Auch für Christof Becker und sein Ensemble wurde das mit eleganten Instrumentalpassagen, berauschenden Chorsätzen und fesselnden Arien versehene Werk zu einem Volltreffer.

 

Ebenso wie Händel das Werk selbst immer wieder modifizierte, um ihm dem aktuellen Bedarf anzupassen, gaben die Licher ihren ganz eigenen „Messiah“: Abweichend von Händels Autograf fügte man hier den Streichern und dem Basso Continuo noch ein Fagott hinzu und verzichtete auf Pauken. In der Besetzung der Altstimme mit Nils Stefan näherte man sich der Uraufführung an, bei der neben der Altistin auch zwei Countertenöre eingesetzt wurden. Der leidenschaftlich agierende Altus übernahm in der Marienstiftskirche jedoch alle für die Alt-Stimme vorgesehenen Partien und zeigte bereits in seiner ersten Arie „But who may abide the day of his coming?“ („Doch wer kann bestehen den Tag seiner Ankunft?“) wie viel Ausdruck er seiner Stimme zu verleihen mag.

Langen Atem bewiesen

Ob in tiefer Besorgnis im Hinblick auf das Erscheinen Christi oder in hoffnungsvoller Erwartung seiner Wundertaten, stets verlieh Stefan seiner Stimme das richtige Timbre. Kontrastiert wurde sein sehr klarer Tonfall durch den vibratoreichen Tenor von Gerhard Brückel, dessen vielseitige Stimme zwischen geerdetem und entrücktem, solidem und verspieltem Ausdruck eine hohe Leistung brachte. Bettina Horsch bewies in ausgreifenden und sauberen Koloraturen nicht nur einen langen Atem, sondern zeigte sich außerdem als sanfter und warmer Sopran. Ohne übertriebenen Ausdruck, doch stets leidenschaftlich und einfühlsam kündete sie mal von der Ankunft Christi, mal von seiner Auferstehung. Passioniert und engagiert übernahm auch Bariton Johannes Wilhelmi seinen Part und überzeugte sowohl mit der besten Aussprache der englischen Texte als auch mit seiner expressiven gesanglichen Interpretation düsterer Vorahnungen und mit der Schilderung des Jüngsten Gerichts als einen Tag der Freunde in „The trumpet shall sound“ („Die Posaune wird ertönen“).

Auch die Sänger der Camerata Vocale erwiesen sich als ausgesprochen engagiert und gesanglich vielseitig: In der freudigen Ankündigung „For unto us a child is born“ („Denn es ist uns ein Kind geboren“) berichteten sie, unterstützt von meisterlich agierenden Instrumentalisten, von der Ankunft des Messias und vernachlässigten dabei dennoch nicht die virtuosen Melismen, die stets als Kontrapunkt zum Thema erklangen. Das auch für Werbung und Filmmusik oft verwendete Halleluja am Ende des zweiten Teils wurde nicht nur durch den Einsatz zweier Barocktrompeten, die bereits im ersten Satz das „Glory of god“ vom Fürstenstuhl aus von der Ankunft himmlischer Heerscharen kündeten, zu einem fulminanten kleinen Finale. Mit bildreichem und sauberem Gesang im Fugato und abschließend pathetischem Halleluja-Ruf wurde dieser Satz zu einem Höhepunkt, den das begeisterte Publikum abschließend noch einmal als Zugabe genießen konnte. Im eigentlich Finale, der Verherrlichung des Opfers Jesu, gelang es den Sängern, sich noch einmal zu steigern und so kündete der Schlusschor mit reicher Dynamik vom Sieg Gottes.

 

 

Giessener Anzeiger - 11.10.2012