Mut des Kantors zum gestalterischen Risiko – Giessener Allgemeine vom 6.12.2010

Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach am Samstag in der Marienstiftskirche hatte viele starke Momente

Viele starke Momente hatte die Aufführung der Kantaten eins und vier bis sechs des „Weihnachtsoratoriums“ von Johann Sebastian Bach am Samstag in der Marienstiftskirche. Schon der Beginn ließ aufmerken: Kantor Christof Becker dirigierte das „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“ mit spürbarer Hingabe, voller Elan. Die Camerata vocale Hessen und das Reußlische Kammerorchester aus Gera gefielen durch nicht zu gewichtigen, vielmehr elegant leichten Vortrag, achteten dabei auf vorantreibenden Fluss. Eine in den weiten musikalischen Bögen sehr ansprechenden, klanglich transparente Interpretation.

 

Tenor Ralf Petrausch beeindruckte in den Rezitativen mit anschaulicher Gestaltung und vorzüglicher Textverständlichkeit; mit Bedacht setzte er den Inhalt betonende Ruhepunkte. Ein solistisches Glanzlicht markiert die Arie „Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben“, in der Altistin Kira Petry mit ihrem wohlklingenden Timbre die Wiederholungen – verstärkt durch das fein dosierte Vibrato – stets neue Facetten verlieh. Im Ganzen kamen die besinnlichen Passagen intensiv zur Geltung.

Festlicher Schlusschoral zur erbaulichen Heimweg-Stimmung der zahlreichen Zuhörer

So bot das 18-köpfige Gesangsensemble den Choral „Wie soll ich dich empfangen?“ dank des auffallend langsamen Tempos und des deutlichen Schluss-Ritardandos von beschaulicher Ruhe dar.  Weiterer Höhepunkt: Der Choral mit Rezitativ „Er ist auf Erden kommen arm“. Hier bestachen die glockenhellen Sopranistinnen durch frappierende Klarheit; sehr klangschön auch die beiden Oboen, die eine reizvolle Untermalung bildeten. Bassist Raimonds Spogis trug die anschließende Arie „Großer Herr und starker König“ mit eher schlanker, doch beweglicher Stimme vor und zog mit seiner detailfreudigen Interpretation in den Bann.

Bachs meisterhafte Komposition zeichnet sich dadurch aus, dass sie immer wieder aufs Neue zu fasz8inieren vermag, kaum an Wirkung verliert. Dies wurde etwa bei der Arie „Flößt, mein Heiland, flößt dein Namen“ im vierten Teil deutlich, die Sopranistin Monika Eder feinsinnig zu Gehör brachte; die Echomotive in Oboe und zweitem Sopran verliehen der Musik besonderen Zauber. Gleichermaßen effektvoll der stimmliche Kontrast zwischen Bass und Sopran im folgenden Rezitativ mit Choral „Wohlan, dein Name soll allein in meinem Herzen sein“; Spogis und Eder sangen es mit großem religiösem Einfühlungsvermögen.

Mit zu den kniffligsten Sätzen zählt die Tenor-Arie „Ich will nur dir zu Ehren leben“: Die dichten Koloraturen glückten Petrausch äußerst virtuos, zudem überzeugte seine vornehme dynamische Zurückhaltung; von ebensolcher technischer Souveränität gepaart mit Expressivität die beiden begleitenden Soloviolinen.

Im Eröffnungschor des fünften Teils,  „Ehre sei dir, Gott, gesungen“ dann eine Überraschung: Das geradezu wagemutig schnelle Tempo war so nicht zu erwarten gewesen. Becker sorgte mit seinem präzisen Dirigat dafür, dass gleichwohl nichts verwischte, vielmehr die Schwerelosigkeit von Chor und Orchester verblüffte. Der Mut des Kantors zum  gestalterischen Risiko ist kaum genug zu loben, bekam der Satz doch so eine recht interessante Note.

Im Choral „Dein Glanz all Finsternis verzehrt“ lenkte Becker sein Augenmerk auf lebendige, nuancierte Dynamik und flexible Agogik. Überaus persönliche Züge nahm in Spogis beseelter, tief empfundener Interpretation die Arie „Erleucht auch meine finstren Sinnen“ an. Im Terzett  von Sopran, Tenor und Alt „Ach, wenn wird die Zeit erscheinen“ hob die warm intonierte Soloviolinmelodie die menschliche Hoffnung hervor. Der Chor hielt die polyphone Durchsichtigkeit bis zum Ende bei, wie sich etwa in „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“, dem Eingangssatz des letzten Teils zeigte.

Der festliche Schlusschoral „Nun seid ihr wohl gerochen“ gab den zahlreichen, sichtlich begeisterten Hörern ausgiebig erbauliche Stimmung mit auf den Heimweg. (Sascha Jouini)