Bachs Weihnachtsoratorium in schwingender Leichtigkeit: Licher Aufführung unter Leitung von Christof Becker meistert Herausforderung - Giessener Anzeiger - 06.12.2010

Wem Traditionen etwas bedeuten, für den ist Bachs Weihnachtsoratorium ein Muss wie der Christbaum oder das Festessen. „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage….“ Dazu die Pauken. Das geht unter die Haut, das ist für viele Weihnachten.

Die Auswahl ist beim Weihnachtsoratorium groß. Es gibt zahllose CD-Einspielungen mit den bedeutendsten Musikern unserer Zeit. Das Ambiente eines Kirchenraums können sie allerdings nicht ersetzen. Daher sind die Aufführungen des wohl bekanntesten Oratoriums meist gut besucht.

In der evangelischen Marienstiftskirche in Lich waren am Samstag die Kantaten 1 und 4 bis 6 unter der Leitung von Kantor Christof Becker zu hören. Vor Jahren wurden bereits alle sechs Kantaten in der damals überfüllten Kirche aufgeführt. Diesmal blieben Plätze leer.

Dass Becker mit der ersten Kantate begann, war den Erwartungen der Zuhörer geschuldet. Der Kantor schätzt besonders die Kantaten vier bis sechs, die zu selten zu hören sind. Bach hat sie 1735 komponiert, die ersten drei ein Jahr früher.

In der Marienstiftskirche sang die „Camerata Vocale Hessen“, ein von Christof Becker gegründetes Ensemble, das in kleiner Besetzung Werke zur Aufführung bringt, deren Provenienz nicht den großen Oratorienbesetzungen entspricht.

Obgleich die A-cappella-Literatur ein reizvolles Genre für das Vokalensemble darstellt, bedeutet es eine sängerische Herausforderung, das Weihnachtsoratorium in einer kleinen Kammerbesetzung zu meistern.

Das ist hervorragend gelungen. Der Chor hielt jederzeit die Balance zwischen dem Orchester und den Solisten. Er drängte sich nicht in den Vordergrund, wie es gelegentlich bei Aufführungen mit großen Chören geschieht. Die „Camerata Vocale“ demonstrierte eindrucksvoll das Ergebnis anspruchsvoller Chorarbeit. Herausragend war die Textverständlichkeit.

Beckers Interpretation hatte zum Ziel, die Leichtigkeit, das „Schwingende“ der Musik, herauszuheben. Das ist hervorragend gelungen.

 

Als Orchester hatte der Kantor das Reußische Kammerorchester verpflichtet, das auf eine über 300-jährige Tradition zurückblicken kann. Herausragend in der Geschichte des Orchesters war die musikalische Begleitung der Gottesdienste zur Weihe der Dresdener Frauenkirche. Die Barockspezialisten glänzten vor allem bei den Solopartien von Geige, Oboe und Trompete.

Als Solisten waren versierte Oratoriensänger verpflichtet. Problematisch war allerdings, dass die Sänger im Rücken des Dirigenten standen, was die gegenseitige Abstimmung manchmal erschwerte. Die Sopranpartien sang Monika Eder, deren Schwerpunkt eindeutig auf der Barockmusik liegt. Die gefragte Liedsängerin brillierte mit ihrer Ausdruckskraft, Virtuosität und dem Farbenreichtum ihrer Stimme. Die in Gießen geborene Altistin Kira Petry präsentierte ihren Part souverän mit warmer Stimme. Ralf Petrausch (Tenor) kommt aus dem Dresdener Kreuzchor. Er wurde schnell als Evangelist der Bach’schen Werke bekannt und beeindruckte in Lich durch eine hell timbrierte, außerordentlich hohe Stimme. Der Bassist Raimonds Spogis, ein Konzert- und Liedsänger mit weit gefächertem Repertoire, gefiel besonders in der Bassarie „Großer Herr und starker König“ mit seiner sonoren, klangvollen Stimme.

Die Akustik und das Ambiente der Marienstiftskirche machen das Gotteshaus zu einer „Konzertkirche“, in der der Zuhörer die Lebendigkeit der Musik hören und erleben kann.

Das Publikum bedankte sich für eine eindrucksvolle Aufführung, die eine eigenständige Interpretation präsentierte, mit lang anhaltendem Beifall.

 

Gießener Anzeiger - 06.12.010