Gefühlsbetonte Matthäuspassion unter Leitung von Marienstiftskantor Christof Becker - Giessener Anzeiger - 23.04.2011

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Stimmungsvolle und musikalisch ausgefeilte Aufführung der Matthäuspassion in der Licher Marienstiftskirche



Die Matthäuspassion gilt als Gipfelwerk ihrer Gattung, das die Interpreten vor eine enorme Herausforderung stellt. Ihre Aufführung ist aber nicht nur reines Konzertereignis, sondern geht immer auch mit innerer Einkehr und religiöser Erbauung einher. Als die Matthäuspassion am gestrigen Karfreitag in der seit Tagen ausverkauften Marienstiftskirche in Lich nach dreieinhalbstündiger Aufführung mit dem innig-sanften Lebewohl des Schlusschores „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ ausklang, war das geschilderte Passionsgeschehen vor dem inneren Auge der Zuhörer noch lange gegenwärtig.

Dem Anlass entsprechend verharrten zunächst alle in einer Schweigeminute. In die Stille tönte die Glocke - und dann setzte der Beifall der begeisterten Zuhörer ein, den sich alle Mitwirkenden redlich verdien hatten.

Mit guter Textverständlichkeit und imponierender Klangfülle lieferten die Marienstiftskantorei, der ihr angeschlossene Knaben- und Mädchenchor sowie das Barockensemble „La Réjouissance“ unter Leitung von Marienstiftskantor Christof Becker eine ebenso gefühlsbetonte und stimmungsvolle wie fesselnde Wiedergabe ab. Beckers temperamentvoll vorwärtsdrängendes Dirigat ließ die Arien dazwischen bewusst als lyrische Ruhepunkte erscheinen. Er hielt alles schön im Fluss und achtete bei größter Detailgenauigkeit stets darauf, dass er das große Ganze im Auge behielt.


Johann Sebastian Bach hat seine am Karfreitag 1729 zum ersten Mal aufgeführte Matthäuspassion mit einem kaum noch zu überblickenden, barocken Reichtum an Einfällen und musikalischer Meisterschaft ausgestattet, der den Zuhörer immer wieder überwältigt. Im Vergleich zur strengeren, fast karg empfundenen Johannespassion zeigt sich gerade hier das Genie Bachs, das Größe durch verschwenderischen Aufwand künstlerischer Mittel realisiert, gleichzeitig aber die Fülle durch Form zu bändigen weiß. Für zwei Chöre und zwei Orchester geschrieben, die mal getrennt und dann wieder gemeinsam agieren, ist das Werk vom Klang her auch reicher als die Johannespassion. Der Komponist wendet die Doppelchörigkeit aber nicht an, um noch größere Klangeffekte zu erzielen, sondern weil er sie zur Charakterisierung eines Dramas ohne Bühne braucht.

Becker setzte diese dramaturgische Konzeption um, indem er die Kantorei in zwei Chöre aufteilte und in der Mitte den Kinderchor platzierte. Die großen und kleinen Chorsängerinnen und -sänger ließen von Anfang keine Zweifel daran aufkommen, dass sie in vielen langen Proben sehr gründlich auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden. Nun glänzten sie nicht nur mit großer Stimmkraft, sondern waren auch mit Engagement und Herzblut bei der Sache. Ob kraftvoll und zupackend, ob samtweich und eindringlich in den Chorälen - die klangliche Färbung umfasste sämtliche Nuancen. Beckers Einsätze kamen punktgenau, und die Chöre zeichneten immer wieder die komplexen Strukturen der Musik nach und durchleuteten sie. Und immer dann, wenn der Chor in seiner Gesamtzahl gefordert war, ergab sich eine imposante, klangmächtige Kulisse: im Eingangschor „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ mit den dissonanten Reibungen, in der dynamisch ausgefeilten Sturmszene „Sind Blitze, sind Donner“ und im schmerzlichen „O Mensch, bewein‘ dein Sünde groß“. Hier war überall die Sorgfalt zu spüren, mit der der Dirigent die Chöre differenzierte. Mehrmals im Verlauf der Aufführung erklang die Karfreitagsmelodie „O Haupt voll Blut und Wunden“, und immer wieder war sie im Wechsel von Tonarten und Klangfarben neu: Ausdruck von Trauer, aber auch von Dank und Zuversicht. Die Einwürfe in den Volksszenen wie der Kreuzigungsfuge bekamen dramatisches Gewicht.

Als Evangelist setzte sich der Tenor Bernhard Scheffel auf eindringliche Weise mit seiner Rolle auseinander. Er wechselte wiederholt vom neutralen Erzählton in den emotionalen Ausbruch, als sei er Augenzeuge der Passion. Mit seinem hell klingenden Tenor sang Scheffel die schwierige, klippenreiche Arie „Geduld, Geduld“ mit viel Wärme.

Bewegend gelang der Altistin Martina Borst die Totenklage im Wechsel mit dem Chor und das flehende „Erbarm dich Gott“ im Zwiegesang mit der Solo-Violine. Anrührend und voller Innigkeit war auch ihre Arie „Können Tränen meiner Wangen“. Mit makellosem Wohllaut formte Helena Günther die Sopran-Arien. Ihr sehr schön in klarer Linie fließender Gesang entfaltete sich im lieblichen „Ich will dir mein Herze schenken“ und im reizenden Dialog mit der Solo-Flöte in „Aus Liebe will mein Heiland sterben“.

Ein seriöser Bassist durch und durch verlieh Stephan Grunwald den Jesusworten klare Kontur und stellte seine Partie in den spirituellen Zusammenhang des Geschehens. Mit kraftvollem Bass setzte sich Maximilian Lika mit markantem Klang in Szene, war expressiv als Pontifex und Pilatus und gestaltete die Arie „Mache dich mein Herze, rein“ bewegend und ergreifend; voller Zärtlichkeit „Komm, süßes Kreuz“.

Ein Markenzeichen der Aufführung war das bewusste Nachspüren von Text und Musik. In diesem Sinne erwies sich das Barockensemble „La Réjouissance“ als zuverlässiger, stilsicherer Begleiter. Auf den Pfaden der historischen Aufführungspraxis wandelnd, musizierte es subtil, mit angemessener Durchsichtigkeit und glänzte mit etlichen solistischen Leistungen.


Von Thomas Schmitz-Albohn - Gießener Anzeiger - 23.04.2011