Sehnsuchtsvolles Erwarten des Erlösers - Gießener Anzeiger - 20.11.2011

Alternative zu Bach: Begeistert applaudierende Zuhörer bei Herzogenbergs „Geburt Christi“ mit der Licher Marienstiftskantorei

Eine Alternative zu Bachs gerne aufgeführtem Weihnachtsoratorium bot die Marienstiftskantorei in Lich den zahlreich erschienenen und begeistert applaudierenden Zuhörern am 4. Adventsonntag: „Die Geburt Christi“ von Heinrich von Herzogenberg vereinte unter der Leitung von Kantor Christof Becker die stimmungsvollen Gesänge eines gekonnt agierenden Chors mit den erfrischenden Stimmen des Knaben- und Mädchenchors zu einem großen Gesangsensemble zu dem die Solisten Cornelia Muth (Sopran), Susanne Kraus-Hornung (Alt), Christian Dietz (Tenor) und Wolfgang Weiß (Bass) hinzutraten. Zuverlässige Unterstützung bekamen die Licher Sänger durch das Hinterländer Männerensemble und die Musiker des Uniorchesters Gießen.

Eigentlich erdachte Herzogenberg (1843 bis 1900), der in Leipzig und Berlin wirkte und unter anderem mit Brahms eng befreundet war, sein Oratorium als die Verbindung eines Konzertes mit gottesdienstlichen Elementen, bei denen auch die Zuhörer in den Choralgesang integriert sein sollten. Doch die Licher hatten sich gegen diese Form der Einbeziehung entschieden und verließen sich völlig auf das mitreißende Naturell des romantischen Oratoriums, das mit einfacher, doch feinsinnig gestalteter Stimmführung und durchsichtiger Linienführung eine erstaunliche Satzvielfalt offenbarte.

 

Neben bekannten Weihnachtsliedern, die Friedrich Spitta, der mit der Zusammenstellung der verwendeten Texte betraut war, als „ebenso geistreich künstlerischer wie volkstümlicher Weise bearbeitet“ erschienen, zeugt das Werk auch mit der Verwendung von Chorälen von der tiefen Gläubigkeit seines Erschaffers und verwies durch den Gebrauch von motetten- und fugenhaften Satzstrukturen sowie den in das Finale einleitenden Doppel- und Cantus-firmus-Chor auch auf Herzogenbergs Verehrung Johann Sebastian Bachs. Anders als der barocke Komponist entschied sich Herzogenberg jedoch gegen eine Verwendung von Arien, sondern wies den ursprünglich sechs Solisten stattdessen zahlreiche Rezitative und kurze solistische Passagen für zwei bis vier Sänger zu.

Dietz und Weiß, die als Solisten jeweils die Rolle zweier Propheten übernahmen und die Passagen des Männerquartetts dem überzeugenden Sextett des Hinterländer Männersensembles überließen, führten den andächtigen und feierlichen Tonfall des ersten Teils in ihren Partien fort: Im archaisch-ernsten „Hier leiden wir Not“ erklang der später transparente und präzise Bass von Weiß zunächst weich und wenig dramatisch, Dietz überzeugte im Tenor-Solo mit Chor mit tragfähigem und zugleich zurückhaltendem Klang.

Unterstützt von einer stimmungsmalenden, jedoch niemals aufdringlichen Instrumentierung wurden die Gesänge zu einem sehnsuchtsvollen Erwarten des Erlösers.

Mitreißend und lebendig erklangen „Sei gesegnet, teures Reich“ und der erhabenene Chor der Engel „Ehre sei Gott in der Höhe“, die zu Glanzpunkten des zweiten Teils wurden. Eingebunden in die von Tenor, Alt und Sopran gekonnt vorgetragenen Rezitative wurde auch das vom Chor zweimal mit dem unisono hingehauchten heiligen Namen eröffneten „Jesus ist ein süßer Name“ und das innige „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Das vielgestaltige „Erklinge, Lied, und werde Schall“ für Solo-Quartett und Chor wurde zu einem klangvollen Wechselspiel zwischen den nicht immer dynamisch abgestimmten Solisten und einem leidenschaftlich agierenden Chor und auch im Duett zwischen Maria (Muth) und Joseph (Weiß) übertönte die eindringliche Stimme der Sopranistin häufig den wenig voluminösen Bass.

Eingeleitet von der sanften Hirtenmusik war die musikalische Begleitung des dritten Teils vor allem geprägt von einer ausdrucksstark gespielten Oboe. Diese verband geschickt die einzelnen Strophen des durch einige Sopranistinnen unterstützten und sowohl diszipliniert wie gefühlvoll agierenden Kinderchores im „Kommt und lasst uns Christum ehren“ und setzte gekonnt Höhepunkte im „Kommet ihr Hirten“. Auch wenn es dem ebenfalls beliebten Weihnachtslied „Nun singet und seit froh“ nicht an Enthusiasmus fehlte, so wünschte man sich hier ebenso wie im abschließenden Doppelchor und Choral ein wenig mehr ausgelassene Freude und echte Begeisterung, die sich erst wieder im abschließenden Orgelnachspiel erahnen ließ.

Von Susanne Engelbach

 

Gießener Anzeiger - 20.12.2011