Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an - Gießener Allgemeine - 12.12.2012

Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit anus_oratorium_rw_111212_4c

Lich. Am Sonntagabend krönte die evangelische Gemeinde Lich ihr musikalisches Jahresprogramm mit einer Aufführung der beliebten drei ersten Kantaten aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium. Wie jedes Jahr zum Adventskonzert war das Haus auch diesmal wieder voll besetzt. 

Mit Pauken und Trompeten leitete die Bad Nauheimer Kammerphilharmonie die Heilsgeschichte aus Bibel-, Choral- und frei gedichteten Texten ein, und Stiftskantor Christof Becker am Pult führte die Instrumentalisten und die Kantorei der Marienstiftskirche mit souveräner Gestik durch den markanten ersten D-Dur-Chor »Jauchzet, frohlocket!« Mit Sinn für Präsenz und Dynamik, wie sie dem mächtigen Kirchenraum angemessen sind, gestaltete der Kantor die abwechslungsreiche Abfolge von Chorälen, Rezitativen und Arien, die dem Hörer den neugeborenen Jesusknaben zwischen Armut (»Er ist auf Erden kommen arm«) und majestätischer Größe (»Großer Herr und starker König«) vorstellen.
Nach anfänglichem Warmsingen entwickelte das Vokalensemble im Laufe des Abends kräftig leuchtende Farben, und die versierte Bad Nauheimer Kammerphilharmonie bestach in jeder Kantate auch mit solistischen Leistungen; hervorzuheben ist dabei die Violine mit ihrem ansprechend klaren Ton in der Alt-Arie »Schließe mein Herze«. Mit Schönklang erfreuten die Holzbläser in ihren zahlreichen tragenden Passagen, so in der schwingenden Sinfonia zur zweiten Kantate. Auch dem Cello und vor allem der Flöte gebührt Aufmerksamkeit, die in der eingeschobenen Sopranarie »Süßer Trost« (BWV 151) die Melodie führte.
Im Rezitativ »Nun wird mein liebster Bräutigam« präsentierte sich als Solistin Antje Gnida, die mit durchschlagskräftigem Alt in allen Lagen imponierte; lediglich in den Höhen gab es Intonationsschwankungen. Die gleiche Schwäche trat gelegentlich auch bei Helena Günther auf, die ihren Sopranpart ansonsten mit gut ansprechendem Duktus sang und die Koloraturen sauber anging. Ihr Rezitativ »Und der Engel sprach zu ihnen« gefiel besonders. Für die Altistin war die Schlummerarie »Schlafe, mein Liebster« ein Höhepunkt, der sich den Hörern auf gelungene Weise mitteilte.
Als Evangelist fügte sich Thilo Busch harmonisch in die Solistenriege; mit hellem Tenor kommentierte er das Geschehen; auch er hatte ein wenig Probleme mit den Höhen, etwa in der Arie »Frohe Hirten«. Ob die Kühle des Kirchenschiffs eine Rolle spielte? Dass seine Koloraturen verschliffen wirkten, mag mit der Akustik zusammenhängen. Den Basspart hatte an diesem Abend Florian Plock übernommen. Der junge Sänger beeindruckte nicht nur mit Ausdruckskraft, sondern erwies sich mit seinem warmen Timbre als herausragende Besetzung.
Als Beispiel für souveränes Zusammenwirken von Chor und Musikern sei der Choral »Wir singen Dir in deinem Heer« genannt, der – kunstvoll mit den Holzbläsern verwoben – einen schönen Ausklang der zweiten Kantate bildete. Können und Konzentration bewies die Kantorei etwa in dem anspruchsvollen Ineinandergreifen der Stimmen und bei den Koloraturen in »Herrscher des Himmels« – um nur einiges zu nennen. Im festlichen D-Dur des Beginns klang das barocke Musikerlebnis mit dem Choral »Herrscher des Himmel« aus. Die insgesamt bestens ansprechende Darbietung wurde mit reichem Beifall aus dem Kirchenschiff belohnt.
Olga Lappo-Danilewski