Zwischen Harmonie und Dramatik - Giessener Allgemeine - 21.12.2010

Zwischen Harmonie und Dramatik - Giessener Allgemeine - 21.12.2010

Kantor Christof Becker präsentierte Orgelmusik des Weihnachtsfestkreises

Andächtig ruhig, voll innerer Versenkung interpretierte Kantor Christof Becker am vierten Advent in der Marienstiftskirche das "Magnificat Sexti toni" von Samuel Scheidt. Die Komposition bildete den Auftakt eines rundum gelungenen Programms mit Orgelmusik des Weihnachstfestkreises, dem leider nur rund 25 Besucher lauschten. Dank Beckers agogischer Flexibilität, die sich etwa in ausgeprägten Verzögerungen offenbarte, wirkte Georg Böhms Choralbearbeitung über "Christum wir sollen loben schon" organisch bewegt.

Die näselnde Hauptstimme verströmte geheimnisvolle Züge. Ebenso ausgefeilt Beckers Darbietung der Choralbearbeitung über "Nun komm der Heiden Heiland" von Johann Sebastian Bach. Hier wählte der Kantor eine recht dezente Registrierung, die die Beschaulichkeit unterstrich. Zu dem langsamen, sanften Bewegungsfluss kontrastierte das virtuose Präludium D-Dur von Dietrich Buxtehude. Becker verlieh diesem klangliche Brilianz, sorgte für ein sonores Bassfundament und eine transparente Diskantpartie. Das vitale Stück erwies sich als Wohltat für die Seele.
Von ganz anderer Art die Meditation "Les Bergers" aus Olivier Messiaens Zyklus "La Nativité du Seigneur" mit der speziellen, scheinbar aus einer fernen Welt kommenden Harmonik und der abgeklärten Stimmung, die Becker mit feinem spirituellem Gespür traf. Beseelt, von innerer Ausgeglichenheit getragen spielte der Organist die Pastorale aus der ersten Sonate von Alexander Guilmant. Der friedvolle Satz bestach durch schnörkellos-klare Struktur und anmutige Linienführung.
Mit großer Dramatik trug Becker den klangmächtigen Beginn der Fantasie über "Wie schön leuchtet der Morgenstern" von Max Reger vor. Einen Gegenpol hierzu bildeten ruhige, entspannte Passagen. Becker schöpfte die weite dynamische Bandbreite der Komposition aus und vermochte durchweg zu fesseln. So gestaltete er etwa Steigerungen nahtlos und behielt stets den weiten Bogen im Auge. Beim klanglich intensiven Schluss kostete er die Opulenz genüsslich aus. Für das meisterhafte Konzert spendeten die Hörer herzlichen Beifall.


Giessener Allgemeine - 21.12.2010