Marienstiftskirche allerdings nicht sonderlich geeignet für barocke Kammermusikwerke

Von links Esther Alt (Flöte), Katharina Hardegen (Violine), Elvira Steurer (Violine), Claudia Drechsler (Viola), Lydia Blum (Barockcello), Carmen Brendel (Violone) und Christoph Becker (Leitung, Cembalo). Foto: Engelbach(sue). Als „Concert Royal“ war es angekündigt, das Eröffnungskonzert der „Licher Tage der alten Musik“, das unter der Leitung von Kantor Christof Becker am Mittwochabend in der Marienstiftskirche zu erleben war. Königlich war dabei vor allem die Auswahl der Werke, die unter anderem von den als Hofkomponisten tätigen Komponisten Lully, Quantz und Bach geschaffen wurden. Ihr Vortrag durch das Fortanella-Consort schuf eine festliche Atmosphäre und wurde von den Anwesenden mit anhaltendem Applaus belohnt.

 

Von seinem Freund Ludwig XIV. zum „Compositeur de la musique instrumentale“ am französischen Hof ernannt, komponierte Jean-Baptiste Lully zahlreiche Instrumentalwerke, darunter das „Trio de la Chambre du Roi“. Mit diesem fünfsätzigen Werk und im historischen Stil eröffneten die Musikerinnen Katharina Hardegen (Violine), Elvira Steurer (Violine), Lydia Blum (Barockcello) und Carmen Brendel (Violone), angeleitet und unterstützt von Christof Becker am Cembalo, den Streifzug durch die Literatur der barocken Kammermusik. Nach einem sanften Einstieg in den ersten Satz des Trios folgten die übrigen kurz gehaltenen Sätze mit maßvoll gespielten und stets schreitendem Ausdruck. Führend erschienen dabei nicht nur in der finalen Passacaille die Violinen, deren Stimmen besonders klar hervor klangen.

Dass die wenig differenzierte Dynamik kein Verschulden der gekonnt agierenden Musiker war, zeigte sich vor allem beim Einsatz der Flöte im folgenden Flötenkonzert G-Dur von Johann Joachim Quantz, nun im Orchester ergänzt durch Claudia Drechsler (Viola). Denn obgleich Esther Alt ihre Traversflöte mit erfrischender Lebendigkeit spielte, ging ihr Klang doch häufig im undifferenzierten Gesamtklang unter. Somit erwies sich die Marienstiftskirche leider nicht, wie angekündigt, als der ideale Raum zur akustischen Entfaltung dieser Art des Musizierens in barocker Tradition. Denn auch wenn die Stimmung in der schönen Marienstiftskirche wieder einen unbestechlichen Reiz hatte, die stets bei Vokalkonzerten auf ihrer ganz eigene Weise zur Qualität des Werkes beiträgt, so erwies sich die Akustik kaum geeignet für ein Kammerkonzert. Gut wahrzunehmen war dennoch der anmutig-leichte Stil des Flötenkonzertes, den Alt mit sauberen Verzierungen aufgriff. Besonders der zweite Satz war aufgrund seiner Expressivität ausgesprochen hörenswert.

Auch in dem häufig nur als „Die Badinerie“ bezeichneten tänzerischen Schlusssatz von Bachs Ouvertüre Nr. 2 musste man sich einige Töne der virtuos gespielten Flöte selbst hinzudenken, die technischen Raffinessen des neunsätzigen Werkes meistere das Orchester jedoch ohne bemerkenswerte Schwierigkeiten. Ob im fließenden Fugato des durch konzertante Elemente geprägten ersten Satzes oder in der Vielseitigkeit der folgenden Tanzsätzen - stets gelang den Musikern ein adäquater Ausdruck.

Nicht am königlichen Hofe, sondern zunächst als Stadtpfeiffer und später als Chorregent, verdiente der Augsburger Komponist Jakob Scheiffelhut sein Geld. Mit seiner Suite in d-Moll spielte Fortanella-Consort ebenfalls eine Reihe von Tanzsätzen, die ebenso wie Bachs Ouvertüre einen willkommenen Einblick in die verschiedenen Ausdruckmöglichkeiten barocker Kammermusik bot.

Mit der Badinerie als Zugabe bedankte sich das Ensemble für den anhaltenden Applaus.

 

 

Giessener Anzeiger - 05.10.2012