Betritt man die wunderschöne Licher Marienstiftskirche, so wirkt neben dem dreischiffigen, achtjochigem Kirchenraum mit seinem Kreuzgewölbe in den Seitenschiffen, dem lebensgroßen, spätmittelalterlichen Kruzifix, den Epitaphien und dem alten Chorgestühl, besonders eindrucksvoll der prächtige Orgelprospekt aus dem frühen 17. Jahrhundert (1622-1624). Wie vorhandene Urkunden belegen, beginnt die Geschichte dieser Orgel in der schweren Zeit des 30jährigen Krieges. Als Erbauer wird der Licher Orgelmacher Jörg Heinrich Wagner genannt. Das Werk hatte etwa 20 Register, verteilt auf 2 Manuale und einem kleinen Pedal.

Von 1631-1633 wurde das Orgelwerk durch die beiden großen Pedaltürme erweitert. Stand bis dahin die Orgel auf einer kleinen Empore im Chorraum (wo sich heute der Fürstenstuhl befindet), so wurde sie 1861 durch Johann Georg Fürster (Gründer der Orgelbauanstalt Förster & Nicolaus) auf den heutigen Standplatz, der Westempore versetzt.

Um das Jahr 1913 mußte die Orgel einen einschneidenden Umbau über sich ergehen lassen, wobei das Instrument leider weitgehend seinen historischen Charakter verlor.

1971 wurde eine ?Generalerneuerung? durchgeführt, wobei die pneumatische Traktur von 1913 wieder entfernt wurde und die Orgel mit ihrer mechanischen Tontraktur technisch und klang- lich auf den Stand der Zeit gebracht wurde. Im Jahre 2002 erreichte man mit der Ergänzung einiger wichtigen Register eine klangliche und disponelle Sättigung, die es erlaubt, Musik aus verschiedenen Epochen zu interpretieren.

Somit steht heute ein der fantastischen Akustik des Raumes adäquates Instrument zur Verfügung.

Disposition (2002)




Pedal

Hauptwerk (II) Rückpositiv (I) Schwellwerk (III)
Prästant 16"
Subba? 16"
Oktavbass 8"
Gedacktbass 8"
Choralbass 4"
Posaune 16"
Trompete 8"
Klarine 4"

I/P
II/P
III/P
Bourdon 16"
Prästant 8"
Rohrgedeckt 8"
Oktave 4"
Gedackt 4"
Oktave 2"
Mixtur 1 1/3 4-5fach
Cornett 5fach
Trompete 8"

III/II
I/II
Holzgedackt 8"
Prästant 4"
Rohrflöte 4"
Spitzflöte 2"
Nasat 2 2/3"
Terz 1 3/5"
Sifflet 1"
Scharff 3 fach 1"
Cromorne 8"

Tremulant

III/I
Geigenprinzipal 8"
Gedackt 8"
Dolce 8"
Schwebung 8"
Prinzipalfugara 4"
Nachthorn 4"
Nasard 2 2/3"
Tierce 1 3/5"
Piccolo 2"
Plein jeu 2? 5-fach
Basson 16"
Trompette harm. 8"
Obois 8

Tremulant

»TOP-Konzert« im doppelten Sinn in Marienstiftskirche - Gießener Allgemeine - 19.04.2010

Selbstbewusst nannte das Trio Uwe Krause, Christof Becker und Kurt Förster am Samstag in der evangelischen Marienstiftskirche sein Programm für Trompete, Orgel und Posaune doppeldeutig »TOP-Konzert«. Wie sich zeigte, war dies keine Übertreibung.

So gelang Kantor Becker gleich zu Beginn Nikolaus Bruhns Orgelpräludium e-Moll sehr ausgefeilt, klanglich transparent, agogisch flexibel und spannungsreich. Die musikalischen Höhenflüge setzten sich ununterbrochen fort. In Girolamo Frescobaldis »Madrigale, due Canzoni et Aria« ergab sich ein harmonisches, in der Tongebung fein aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel zwischen dem Trompeter Uwe Krause und dem Posaunisten Kurt Förster; bezaubernd die motivisch-thematischen Dialoge zwischen beiden Blechbläsern. Becker sorgte an der Orgel für eine rhythmisch genau koordinierte Begleitung.

Herz erwärmenden Charme strahlte die graziöse Thematik im Kopfsatz von Leopold Mozarts Konzert für Altposaune und Orgel aus. Förster intonierte die Melodie überaus geschmeidig und feinnervig und wurde von Becker sensibel unterstützt. Der getragene Ausdruck der Posaunenstimme nahm in der gefühlvollen, dynamisch subtilen Interpretation des Adagios gefangen; unnachahmlich, wie Förster die langgezogenen Töne in der Lautstärke sanft-fließend anschwellen ließ. Rhythmisch federnd geriet das Menuett-Finale.

Im eröffnenden »Staccato«-Satz der vier Stücke für Trompete und Orgel von Jean Langlais trafen Krause und Becker wohldosiert den energischen, insistierenden Ausdruckscharakter. Weitläufig-ruhig strömte demgegenüber die kantabel gespielte Trompetenmelodie im zweiten Stück (»Modéré«) dahin. Recht besinnliche Züge nahm in der tiefgründigen Interpretation des Duos das Adagio an, während das Schluss-Allegro voller vitaler Motivik steckte. Im »Andante sostenuto«-Teil aus Alexandre Guilmants »Morceau symphonique« kosteten Förster und Becker die schwelgerischen Momente ganz aus. Mit mal weich-fließender, dann trocken-pointierter Intonation arbeitete das Duo die dynamischen Kontraste im »Allegro moderato« ansprechend heraus, achtete dabei zudem auf prägnante Artikulation. Giacinto Bondiolis Canzona »La Giacintina« bereitete dank der weihevollen, beseelten Musizierweise des Trios ebensolches Vergnügen.

Für einen nachhaltig im Gedächtnis haften bleibenden meditativen Schlusspunkt sorgte Becker in Johann Sebastian Bachs Orgelpassacaglia c-Moll. Zunächst erklang im Bass das ernste Thema, dann kam in der Mittellage eine erst akkordische, daraufhin polyphone Struktur hinzu. Becker beleuchtete die anspruchsvolle Komposition in mannigfaltigen Facetten. Dem scheinbar unendlichen musikalischen Strom konnte man sich in seiner meisterhaften, formal klaren Darbietung kaum entziehen; vorzüglich passte er sich der Akustik des Gotteshauses an. Die Hörer spendeten für das rundum brillante Konzert kräftigen Beifall. Sascha Jouini

An historischen Aufführungen orientiert - Gießener Allgemeine - 06.04.2010

Es müssen nicht immer die großen Passionswerke sein, und es benötigt auch kein nach Hunderten zählendes Publikum, damit ein Festkonzert gediegen wird und gelingt.

Im Rahmen einer musikalischen Reihe zur Passion (Karfreitag) und zu den Osterfeiertagen in der evangelischen Marienstiftskirche in Lich fanden sich am Abend des Ostersonntags etwa 40 Zuhörerinnen und Zuhörer ein. Vom »Fontanella Consort« unter der Leitung von Kantor Christof Becker und von Tenor Andreas Wagner wurde Barockmusik ganz vorzüglich dargeboten.

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Ein Hammerflügel war der Star der Kammermusik-Soiree - Giessener Allgemeine - 22.02.2010

Lich (dw). Ein Hammerflügel war der Star der Kammermusik-Soirée der evangelischen Marienstiftsgemeinde am Sonntag. Im ungewöhnlichem Zusammenspiel mit Viola und Violine entlockte das Trio Padus den alten Instrumenten ein besonderes Klangerlebnis.

Leicht, leise und zart schwingen die Akkorde über die Saiten, ganz anders als der Name vermuten lässt. Mit dem Klang eines Flügels hat das Hammerklavier nicht viel gemein. Im Vorläufer des heute bekannten Klaviers werden die Saiten nicht in Metal- sondern einem aus Holz gefertigten Rahmen gehalten, nicht mit Filz, sondern mit Leder sind die Hammerköpfe bezogen. Anders als das Klavier klingt es dadurch wie ein Saiteninstrument. Die Technik, gespannte Saiten nicht anzureißen oder zu zupfen, sondern mit Klöppeln anzuschlagen, war zwar keine Erfindung des 18. Jahrhunderts, wurde aber in jener Zeit enorm vorangetrieben - die Komponisten verlangten nach neuen, innovativen Instrumenten.

Für die Werke der Wiener Klassik und der Frühromantik, die das aus Süddeutschland stammende Trio zu Gehör brachte, ist es im wahrsten Sinne des Wortes wie geschaffen. Im fast intimen Rahmen des Gemeindesaales der Marienstiftsgemeinde brachten die drei Musiker mit ihren nachgebauten historischen Saiteninstrumenten zunächst Wolfgang Amadeus Mozarts Kegelstatt-Trio zu Gehör. Das Werk, das nach einer Kegelpartie entstanden sein soll, ist mit Klarinette vorgesehen. Die ungewöhnliche Besetzung des Trios macht jedoch nicht selten eine Umwidmung nötig. Den Part der Klarinette übernahm Ursula Plagge-Zimmermann mit ihrer Viola. Harmonisch und gekonnt entfaltete sich der Auftakt. Mit einem Duett in G-Dur für Violine und Viola von Franz Anton Hoffmeister kam das Stück eines Zeitgenossen Mozarts zur Aufführung. Der engagierte Verleger, der auch erste Stücke von Mozart verlegte, ist bei dem Trio beliebt, weil er ein vergleichsweise großes Repertoire an Streichquartetten in ungewöhnlicher Besetzung lieferte. Heiter entlockte Plagge-Zimmermann ihrer Viola die Klänge im gut abgestimmten Zusammenspiel mit dem konzentriert spielenden Dietrich Schütz auf der Geige. Ein besonderes Klangerlebnis entlockte Alexander Strauss seinem Hammerflügel in einer Sonate des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel in einer Sonate für Viola und Klavier. Die Klänge der Violine und des Hammerflügel verwoben die Musiker zu einem gleichberechtigten Spiel in einer anspruchsvollen Sonate in G-Dur von Josef Haydn. Beschwingt und heiter präsentierten die drei Musiker, die sich aus dem Studium in Karlsruhe kennen, zum Abschluss eine Serenade für Violine, Viola und Klavier des Würzburger Komponisten Josef Küffner. Im frühromantischen Werk, mit seinen liedhaften Melodien, beeindruckten die drei noch einmal durch ihr engagiertes und gut aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel. Mit viel Applaus dankte das Publikum dem Trio für die aparten Klangwelten.

Französische Barockreise - Gießener Anzeiger - 05.10.2009

Tage der Alten Musik mit Ensemble "Les Sons Choisois"

LICH (nb). "Les Sons Choisois", so der Name des Ensembles, das am Samstagabend in der Licher Marienstiftskirche französische Barockmusik des 18. Jahrhunderts interpretierte. Eben jene "Sons Choisis", "ausgewählte, erlesene Klänge", boten die vier Mitglieder mit Travers- und Blockflöte (Leonard Schelb), Barockvioline (Claudia Engelhard), Viola da Gamba (Renate Mundi) und Cembalo (Thomas Wilhelm) den gerade mal 30 Besuchern. "À la francaise" war das Motto, und ein barockes Lebensgefühl zu vermitteln gelang angesichts der traumhaften Kirchenkulisse leicht. Aber auch das Programm tat sein Übriges dazu. Nicolas Derosiers "La Fuite du Roi d´Angleterre" erinnert in 14 musikalischen Stationen an die Flucht des künftigen englischen Königs Karl II. im Jahre 1646, an sein französisches Exil und seine Rückkehr nach England. Auf seinen jungen Cousin Ludwig XIV. dürfte Karl bei "Le voyage de Versailles" getroffen sein. Schwungvoll und feierlich klang dies in der stilsicheren Interpretation.

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Österlicher Freudenkreis erklang in Marienstiftskirche – Gießener Allgemeine 28.4.2009

Regionalkantor Stiewe gab niveauvolles Konzert – Eröffnendes Vivace einer Bach-Sonate als Programmhöhepunkt

Lich Ein niveauvolles Orgelkonzert mit Werken des österlichen Freudenkreises bot Regionalkantor Ralf Stiewe aus Gießen am Sonntag in der evangelischen Marienstiftskirche. Von heller Strahlkraft war die Akkordpartie zu Beginn der „Toccata septima“ als Georg Muffats Sammlung „Apparatus musico organisticus“. Es folgten virtuos-verspielte, überaus leicht hingetupfte Figurationen und eine zarte Flötenuhrmusik-artige Passage, die Stiewe elegant meisterte, anschließend ein klanglich gedämpfter, dazu wirkungsvoll kontrastierender akkordischer Teil, der in einen wiederum leuchtenden, agogisch beweglich gespielten Schlussteil mündete.

Beim Zyklus Nr. 17 „Dominica Resurrexionis“ aus Charles Tournemires Sammlung „lrgue Mystique“ (1927-1932) faszinierte die harmonisch mannigfaltige, auch für heutige Hörer ungewohnte Struktur –die schwebenden Klänge führten in eine sonderbare, abgelegene Klangwelt. Stiewe brachte den schier unerschöpflichen Farbreichtum vielschichtig, zu Geltung und verlieh der auf einer gregorianischen Melodie basierenden Musik experimentelle Züge. Das „Offertoire sur les Grands jeux“ aus Francois Couperins „Messe à l’usage des Paroisses“ vermittelte mit der punktierten Rhythmik und dem sonoren, transparenten Klangbild erhaben-feierliche Stimmung. Einen Höhepunkt des Konzerts markierte das eröffnende Vivace der Sonate Nr. 6 G-Dur BWV 530 von Johann Sebastian Bach. Die vollendete Anmut der Komposition zog durchweg in den Bann –ausgefeilter dargeboten ließ sich der Satz kaum vorstellen, ebenso das folgende Lento, das unter Stiewes Händen klanglich dezent und subtil geriet; raffiniert das imitatorische Spiel der beiden Oberstimmen; Polyphon durchsichtig, mit plastischer organischer Bewegung erklang das Allegro-Finale. Den Abschluss bildeten Werke weiterer französischer Komponisten: Jehan Langlais` „Incantation pour un Jour Saint“ op. 64 und das Finale aus Charles-Marie Widors fünfter Orgelsymphonie. Die Hörer spendeten herzlichen Beifall. Sascha Jouini

 

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